Fragen & Antworten
zur Stiftung Achtung! Kinderseele

Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl, Vorstandsvorsitzender von Achtung! Kinderseele erläutert, wie sich die Stiftung von anderen Kinderhilfseinrichtungen unterscheidet, wie sie sich in Zukunft engagieren will und was die Betroffenen davon haben.


Was ist das Besondere an Achtung! Kinderseele?

Prof. Lehmkuhl Es gibt in Deutschland zwar viele Stiftungen und Organisationen, die Kindern helfen, aber keine, die sich ausschließlich, störungsübergreifend und bundesweit für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen einsetzt. Dies ist das Hauptziel von Achtung! Kinderseele, denn wir möchten, dass in Zukunft diese Kinder eine Lobby haben, sie und ihre Familien nicht allein gelassen werden und frühzeitige Hilfen angeboten werden. Obwohl wir inzwischen viel über Prävention, Früherkennung und -behandlung wissen, finden diese Maßnahmen in der Öffentlichkeit immer noch zu wenig Beachtung und werden zu selten eingesetzt. Dies muss sich im Interesse der betroffenen Kinder und ihrer Familien möglich schnell verbessern.

Wie engagiert sich die Stiftung?

Prof. Lehmkuhl Zum einen planen wir Projekte, die versuchen, Prävention und Früherkennung voranzubringen, um den Betroffenen möglichst direkt Unterstützung anzubieten. Hierzu gehört zum Beispiel unser Kita-Patenprogramm, eine Aufklärungsinitiative für Kindergärten, bei der es darum geht, Informationsabende über psychische Gesundheit, mögliche Störfaktoren und erste Anzeichen von psychischen Belastungen anzubieten.

Darüber hinaus versteht sich die Stiftung als Ansprechpartner und Informationsplattform für alle Fragen, die sich mit seelischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter beschäftigen. Sie will dazu beitragen, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit wahr genommen wird und entsprechende Netzwerke anregen.

Wie profitieren die Betroffenen?

Prof. Lehmkuhl Wir hoffen durch direkte Projekte diejenigen zu erreichen, die bislang durch unser Versorgungssystem fallen und die vorhandenen Hilfsangebote aus den verschiedensten Gründen nicht wahrnehmen. Im Gegensatz zu der hohen Anzahl der Betroffenen gelangt nur ein kleiner Anteil von ihnen in Beratung und Behandlung. Dies führt dazu, dass viele Probleme chronifizieren und Früherkennung und Frühbehandlungen leider unterbleiben.

Nur ca. 15 bis 20 % der Eltern von Kindern und Jugendlichen, die dringend eine Beratung oder Behandlung benötigen, nehmen diese auch in Anspruch. Das Problem besteht darin, dass gerade diejenigen, die am meisten Hilfe brauchen, sie häufig nicht erhalten. Dabei sind psychische Erkrankungen oft langwierig, verursachen hohe Kosten im Gesundheitswesen und gehen mit deutlichen Beeinträchtigungen und einer geringeren Lebensqualität für die Betroffenen einher.

Es wird Zeit, dass wir uns dieser Frage vermehrt zuwenden und ihr die nötige Aufmerksamkeit schenken. Deshalb der Weg über die Kindergärten, weitere Projekte zum Beispiel über die Schulen sollen sich anschließen. Im Vordergrund stehen Informationen, Beratung und Abbau von Schwellenängsten sowie ein bewusster Umgang mit psychischen Belastungen und Erkrankungen.

Ist die Stiftung für Sie ein Mittel, um neue Patienten zu gewinnen?

Prof. Lehmkuhl Nein, ganz und gar nicht. Ziel ist es ja gerade, durch Prävention und Frühberatung die Ressourcen, also die Stärken der Betroffenen zu aktivieren. Wenn der Eindruck entstehen würde, es ginge uns um einen Zuwachs an Patienten, dann liefe dies den geplanten Intentionen völlig entgegen. Bereits heute sind die Praxen der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie überlaufen, es gibt meistens längere Wartezeiten. Durch die Projekte der Stiftung versuchen wir, präventive Ansätze zu unterstützen, um zu vermeiden, dass viele Kinder und Jugendliche manifeste und sie einschränkende psychische Symptome entwickeln.

Um es kurz zu sagen, die Stiftung versucht, den Patientenstatus möglichst im Vorfeld zu verhindern.

Wie ernst ist die Situation?

Prof. Lehmkuhl Mehrere aktuelle Untersuchungen, zuletzt der Kindergesundheits-Survey des Robert-Koch-Instituts, haben gezeigt, dass es vor allem seelische Belastungen und Symptome sind, unter denen Kinder und Jugendliche am meisten leiden. Dies beginnt bereits im Vorschulalter und setzt sich dann bis in das Jugendalter hinein fort. Während jüngere Kinder vor allem durch erhöhte Unruhe, Konzentrationsschwäche, aber auch Ängste und emotionale Schwierigkeiten auffallen, nehmen in der Adoleszenz depressive Störungen, Selbstverletzungen, Essstörungen und Suizidalität deutlich zu. Man geht davon aus, dass insgesamt

20 % aller Kinder und Jugendlichen über solche Schwierigkeiten unterschiedlichen Ausmaßes leiden, davon benötigten ca. 10 % zeitnah eine intensivere Beratung und Behandlung.

Wir sollten uns vor allem vor Augen führen, dass es darauf ankommt, frühe Hilfen anzubieten, weil es dann zumeist möglich ist, einen chronischen Verlauf und eine manifeste Symptomatik zu verhindern. Insofern kann man die Situation gar nicht dramatisch genug schildern, denn wir stehen vor einem Eisberg und die Ärzte und Psychologen sehen immer nur diejenigen, die massive Schwierigkeiten haben oder den Weg in die ambulanten oder stationären Hilfen finden.

Wo ist das Leid am größten?

Prof. Lehmkuhl Auch dies haben empirische Studien gezeigt: gerade diejenigen, die am stärksten betroffen sind, werden leider durch unsere Beratungs- und Therapieinstitutionen am wenigsten erreicht. Sie kommen häufig aus Familien, die über wenig Ressourcen verfügen, bildungsfern und sozial benachteiligt sind. Aber gerade diese Gruppe von Kindern und Jugendlichen müsste erreicht werden, um die bei ihnen häufig sehr ausgeprägten psychischen Störungen anzugehen.

Warum wird das Thema immer noch tabuisiert?

Prof. Lehmkuhl Psychische Erkrankungen gelten leider immer noch als Stigma. Gerade bei Kindern und Jugendlichen rufen sie bei den Eltern häufig Schuldgefühle hervor. Sie denken, sie haben in ihrer Erziehung versagt und es ist ihnen unangenehm, wenn die Symptome im Alltag offensichtlich werden. Deshalb geht man mit diesen Fragen vielfach nicht offen um und sucht auch nicht entsprechende Unterstützung und therapeutische Hilfen. Auch in der Gesellschaft werden Kinder mit psychischen Symptomen oftmals abgelehnt und ausgegrenzt. Die Umgebung ist häufig verunsichert, weiß nicht genau, wie sie reagieren soll und spricht deshalb die Thematik nicht offen an. Bei einer anderen Gruppe von Kindern und Jugendlichen nimmt die Umgebung allerdings die Problematik gar nicht wahr, hält das Verhalten für normal, so dass aus Gründen der Ignoranz und Vernachlässigung keine Unterstützung eingeholt wird.

Und darüber hinaus ist auch noch zu wenig bekannt, wie effektiv und hilfreich therapeutische Maßnahmen bei psychischen Konflikten und Verhaltensauffälligkeiten sein können. Insofern kommt dem Aufklärungsziel der Stiftung eine ganz besondere Bedeutung zu, denn nur so kann es unserer Meinung auf Dauer gelingen, bessere Entwicklungschancen für alle Kinder zu erreichen.

Wie finanziert sich die Stiftung?

Prof. Lehmkuhl Wir hoffen auf Spender und Förderer, die sowohl die Grundziele der Stiftung und damit entsprechende Kampagnen unterstützen, aber auch bestimmte Projekte, sowohl bundesweit, als auch vor Ort mit finanzieren helfen. Zurzeit suchen wir Partner für unser Kita-Patenprogramm und auch hier sind regionale und bundesweite Unterstützer willkommen.

Wohin fließen die ersten Spendengelder?

Prof. Lehmkuhl Spendengelder sollen die Stiftung in die Lage versetzen, eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit in den Medien leisten zu können. Langfristig wollen wir erreichen, dass in unserer Gesellschaft ein Klima entsteht, in dem seelische Leiden besser verstanden und akzeptiert werden. Dies kann betroffene Familien ermutigen, Probleme nicht zu vertuschen, sondern sich offen damit auseinander zu setzen. Doch dazu muss mehr über das Thema informiert werden und wir hoffen, dass die Medien uns bei der Aufklärungsarbeit unterstützen. Zudem wollen wir die Informationsplattform der Stiftung im Internet weiter ausbauen, damit sie Ratsuchenden als zentrale Anlaufstelle für allgemeine und spezielle Fragen dient.

Spenden sollen es auch ermöglichen, das Kindergarten-Programm weiter zu entwickeln, Aufklärungsmaterialien herzustellen und weitere lokale Projekte zu koordinieren. Mit dem Programm gehen wir persönlich auf Eltern und Erzieher zu. Ehrenamtliche Experten der Stiftung informieren, was es eigentlich bedeutet, seelisch gesund erwachsen zu werden. Im Rahmen von Aufklärungsabenden stehen sie Eltern bei der seelischen Entwicklung ihrer Kinder über einen Zeitraum von zwei Jahren zur Seite. Der Zuspruch bei den ersten 15 Projekten war enorm. Nun wollen wir das Kita-Patenprogramm deutschlandweit ausbauen.






Univ. Prof. Dr. med. Gerd Lehmkuhl

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