Interview mit Prof. Dr. Häßler

Keine Angst vor der Langeweile. Warum die Erfahrung von Langeweile für Kinder wichtig ist und was Langeweile alles bedeuten kann.

Die langen Sommerferien stehen vor der Tür. Und damit auch oft die gähnende Langeweile. Wie kann man damit umgehen? Und welche Chance birgt Langeweile?


Herr Prof. Dr. med. habil. Frank Häßler ist Chefarzt der Tagesklinik für Kinder- & Jugendpsychiatrie in Rostock. Unter seiner Leitung arbeitet ein multiprofessionelles Team aus verschiedene Berufsgruppen zusammen. Die Ambulanz war auch während der letzten Monate geöffnet und somit Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen und deren Familien.  Zudem ist er seit mehreren Jahren aktiv in der Stiftungsarbeit z.B. als Aufsichtsratsvorsitzender. Er hat uns Antworten auf unsere Fragen geben. Die lesen Sie im folgenden Interview.


Sie haben in den letzten Monaten Kinder und Familien begleitet, die ihr Leben umstellen mussten. Waren Langeweile und die Belastung dadurch ein Thema?

Durch die Umstellungen in den letzten Monaten waren alle gefordert. Hierbei konnte ich beobachten, dass jüngere Kinder besser mit der Situation umgehen konnten. Jugendliche hat der Entzug von Freunden und Autonomie stärker getroffen. Das führt zu Konflikten – hierbei stand Langeweile nicht im Fokus.

Langeweile wird häufig als negatives Zeichen wahrgenommen, muss es aber grundsätzlich nicht sein. Vielmehr kann es auch eine Form des zur Ruhe Kommens, Des Besinnens, des Nachdenkens, der Entspannung und der Beginn von Kreativität sein.


Langeweile kann ein wichtiges Signal sein, dass das Kind im Alltag stark ausgelastet ist.

Kinder verspüren kaum noch Langeweile, da ihr Alltag oft sehr stark strukturiert und durchgetaktet ist. Turnen, Geige, Fußball, Malkurs und vieles mehr. Viele Aktivitäten werden den Kindern in festen Zeitfenstern vorgegeben. Zusätzlich zu dem zeitlichen Druck erfahren Sie eine unterbewusste Erwartungshaltung der Eltern  – mein Kind das Multitalent!

Durch die starke Auslastung und die Beschränkung von Freiraum können Kinder ihrer Fantasie kaum noch freien Lauf lassen. Sie verlernen, die Welt auf eigene Faust zu entdecken. Sie richten sich danach, dass alles bereits geplant und getaktet ist.


Also sollten Eltern im Alltag auch mal Raum für „Langeweile“ einbauen?

Raum für Entspannung, Ruhe und Kraftsammeln brauchen wir alle! Wenn wir dieses mit Langeweile gleichsetzen, dann „JA“! Ein Kind darf auch mal einfach gemütlich auf dem Sofa rumlümmeln oder ein Hörspiel auf dem Bett hören. Es sollte im Alltag auch diese Zeiten zur freien Beschäftigung geben. Das Gefühl der Langeweile ist hier ein gutes Zeichen, dann ist das Kind auf dem Weg zu Entspannung und Ruhe.

Der Gegenspieler von Langeweile ist ein starkes Interesse – an Aktivitäten, der Umwelt oder am Kontakt mit anderen Menschen. Diese Leidenschaft müssen Kinder selbst wiederentdecken, sie sollten einen Sinn in ihren Beschäftigungen finden. Langeweile kann auch als Motivator dienen, der die Entwicklung anstößt. Wenn das Kind das Gefühl der Langeweile beseitigen möchte, muss es selbst kreativ werden und überlegen, wie es diesen Zustand beseitigen könnte.


Wie können Kinder lernen, die entstandene Leere zu füllen?

„Mir ist sooooo langweilig…“ diesen Satz haben viele Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen schon einmal gehört. Ein Satz, der Erwachsene gern zum Aktionismus verführt. Wenn Eltern ihrem Kind als Antwort eine Aktivität vorschlagen, lernt das Kind nicht, sich selbst zu motivieren und herauszufinden, was ihm Spaß bringt. Auch ist es wichtig sich mit dem Gefühl der Langeweile auseinanderzusetzen, dieses würde es durch die Ablenkung nicht tun. Für Kinder, die eine Art der Orientierungslosigkeit durch die Langeweile empfinden, kann es hilfreich sein, sie dazu aufzufordern Vorschläge zu machen. Dieses kann für die nächste Stunde, den Tag oder sogar die Woche sein. Hierdurch wird ihre Fantasie wieder aktiviert und die Kinder können prüfen, was ihnen Spaß bringt. Hier sollten Eltern sich auch drauf einlassen, auch wenn manche Aktivitäten nicht ihre Wahl gewesen wären.

Zusammengefasst: Eltern sollten bei dem Satz „Mir ist sooooo langweilig!“ nicht unverzüglich Tipps für Beschäftigungen liefern.


  • Kinder können sich Verhaltensmuster durch Wiederholung angewöhnen.

  • Kinder lernen nicht, selbst aktiv zu werden, sondern halten es für selbstverständlich, dass die Eltern sie sofort bespaßen.

  • Eltern nehmen Kindern oft die Chance, selbst kreativ zu werden, obwohl diese neue Anregungen und Spielideen kreativ selbst entwickeln.


Stattdessen können Eltern fragen: „Hast du eine Idee, um deine Langeweile zu beenden?“


Was können Eltern machen, um die Fantasie gezielt anzuregen und den Kindern den Spaß am Entdecken zurückzugeben?

Langeweile verfliegt, wenn etwas Aufregendes passiert und man überrascht wird. Um ihre Kinder zu motivieren und zu begeistern, können Eltern besondere Momente schaffen. Woran könnte das Kind Spaß haben? Verkleiden mit Mamas oder Papas Kleidung? Schminken? Tanzen im Regen? Gemeinsam Blödsinn machen? Es gibt viele Möglichkeiten. Es geht darum, auch mal den Alltag zu durchbrechen, sich von festen Strukturen zu lösen und gemeinsam Spaß zu haben.

Eltern bauen hierdurch eine emotionale Bindung zum Kind auf, helfen dabei, die Fantasie anzuregen und beflügeln die Kreativität des Kindes. Kinder ziehen aus solchen besonderen Momenten viel Kraft.

Ein zweiter Tipp: Kinder sollten sich mit anderen Kindern verabreden. Gerade in den Ferien ist das wichtig. Gemeinsam entwickeln Kinder leichter Ideen fürs Spielen und die Entdeckung der Welt. Einsamkeit und Eintönigkeit liegen häufig recht nah bei einander – auch bei Kindern!


Wann muss man bei Langweile gut hinschauen?

Wenn Kinder dauerhaft gelangweilt sind und sich das Ganze  in einer Lustlosigkeit und Niedergeschlagenheit verfestigt, sollten Eltern, Erzieherinnen und Erzieher das genau beobachten.

Es ist auch möglich, dass Kinder ihre Langweile nicht kommunizieren und die Leere durch Essen oder Grenzen austestendes über die Stränge schlagen füllen. Hier sollte geprüft werden, ob möglicherweise eine Unterforderung vorliegt.. Es wäre dann wichtig, dass Veränderungen an den Bedürfnissen des Kinders orientiert sind und das Kind dabei mit eingebunden wird.

Vorsitzender des Aufsichtsrats & Chefarzt der Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie der GGP Gruppe Prof. Dr. med. habil. Frank Häßler

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