Interview mit Prof. Dr. Hans-Henning Flechtner: "Wir sollten die Essener Studie als Warnhinweis verstehen"

Wildblumen

Prof. Dr. Hans-Henning Flechtner

1. Februar 2022

Eine aufsehenerregende Studie des Universitäts-klinikums Essen hat ergeben, dass im zweiten Lockdown im Frühling 2021 etwa dreimal so viele Kinder und Jugendliche nach Suizidversuchen auf Kinderintensivstationen eingeliefert wurden wie im gleichen Zeitraum 2019. Wie ist diese erschre-ckende Zahl aus kinderpsychiatrischer Sicht zu bewerten? Wir haben darüber mit Prof. Dr. Hans-Henning Flechtner gesprochen. Er ist Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, stellvertretender Präsident der wissenschaftlichen Fachgesellschaft DGKJP und Vorstandsmitglied der Stiftung „Achtung!Kinderseele“.

Stiftung „Achtung!Kinderseele“: Eine noch unveröffentlichte Studie hat ergeben, dass von Mitte März bis Ende Mai 2021 im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2019 etwa dreimal so viele Kinder und Jugendliche nach Suizidversuchen auf Kinderintensivstationen aufgenommen wurden. Der Studie werden einige Unschärfen vorgeworfen, doch eine deutliche Zunahme von Suizidversuchen scheint auf jeden Fall vorzuliegen. Können Sie das aus Ihrer Arbeit heraus bestätigen?

Prof. Dr. Flechtner: Wir sehen hier in der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik eine ansteigende Zahl von suizidalen Krisen, aber das muss man trennen von den Erhebungen in den Kinderintensiv-Stationen. Die Essener Studie ist noch nicht veröffentlicht, sodass man das zugrundeliegende Material nicht beurteilen kann. Die Studie basiert ja auf der Auswertung von Fragebögen, das heißt, das Ergebnis hängt entscheidend von der Güte des Fragebogens ab – und den kennen wir nicht. Außerdem wurden die Angaben von 20% der Kinderintensivstationen, von denen manche auf Säuglinge spezialisiert sind, auf 100% hochgerechnet. Und Jugendliche, die möglicherweise auf Erwachsenen-Intensivstationen gelandet sind, wurden nicht mitgezählt. Sicher ist, dass keine kinderpsychiatrische Expertise in die Studie eingeflossen ist. Ich wäre deshalb sehr zurückhaltend damit, eine bundesweite Steigerung der Suizidversuche um den Faktor drei anzunehmen. Wir wissen z.B., dass es immer große regionale Unterschiede gibt, und man kann sich leicht vorstellen, dass die Situation in Großstädten eine andere ist als in ländlichen Gegenden. Gleichzeitig steht außer Frage, dass psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen in der Pandemie zugenommen haben – und dass wir die Ergebnisse der Studie als Warnhinweis verstehen sollten.


Sind Suizidversuche bei Kindern und Jugendlichen eher Kurzschlusshandlungen oder Folge eines längeren depressiven Prozesses mit Gefühlen der Einsamkeit, Sinnlosigkeit und Verzweiflung?

Suizidalität bei Kindern und Jugendlichen hat andere Ursachen als bei Erwachsenen, wo oft eine längere negative Entwicklung zugrunde liegt, beispielsweise Sucht, Arbeitslosigkeit, Trennung, Vereinsamung, Ausweglosigkeit. Eine stabile Depressivität ist bei Kindern und Jugendlichen selten. Hier ist es eher die Empfindlichkeit und Stimmungslabilität in der Pubertät, kombiniert mit einer komplexen psychosozialen Zuspitzung, die zu suizidalen Handlungen führen kann. Eine monokausale Ursache für Suizidversuche oder Suizide gibt es so gut wie nie. Vollendete Suizide sind bei unter 20-Jährigen zum Glück viel seltener als bei Erwachsenen. 2020 haben sich in Deutschland 25 unter 15-Jährige und 155 15- bis 19-Jährige das Leben genommen. In der am meisten betroffenen Altersgruppe der 55- bis 60-Jährigen gab es dagegen fast 1000 Suizide.


Ist es vor allem die Lockdown-Situation mit geschlossenen Schulen, die einigen Kindern und Jugendlichen psychisch extrem belastet hat, oder ist der Leidensdruck auch in der momentanen Situation hoch, in der die Schulen offen sind, aber im Freizeitbereich kaum etwas stattfindet?

Am wichtigsten ist, dass man Kinder und Jugendlichen nicht den Eindruck vermittelt, sie begäben sich in Todesgefahr, sobald sie das Haus verlassen. Das ist psychisch schwer auszuhalten. Was den Freizeitbereich angeht, so spielen leider viele lokale Einzelentscheidungen eine Rolle. In der jetzigen Phase mit der sehr ansteckenden Omikron-Variante, die offenbar eher selten schwere Erkrankungen verursacht, wäre mein Rat, nicht mehr auf Teufel komm raus jede Ansteckung vermeiden zu wollen, indem man Kindern und Jugendlichen soziale Aktivitäten verbietet.


Würden Sie empfehlen, Schulschließungen auch bei sehr hohen Inzidenzen zu vermeiden, da Kinder und Jugendliche nur selten schwer an Corona erkranken?

Es ist wichtig, dass an den Schulen alles getan wird, um sie möglichst Pandemie-sicher zu machen. Regelmäßige Tests, Lüften, Luftreiniger, ich würde auch für FFP-2-Masken plädieren. Und bei auftretenden Infektionen halte ich Teilquarantänen für angemessen. Aber ja, aus psychiatrischer Sicht sollten die Schulen so lang wie irgend möglich offenbleiben. Kinder und Jugendliche brauchen Struktur und sie brauchen die Gemeinschaft.


Können Sie beurteilen, ob die meisten Schulen einen guten Weg gefunden haben, mit den bei vielen Schülern entstandenen Lernlücken umzugehen? Gerade die sozial schwachen und lernschwachen sind davon ja besonders betroffen.

Da kann man keine allgemeine Aussage treffen. Die Schullandschaft ist sehr heterogen, was u.a. die zur Verfügung stehenden Lernmittel und die Kreativität der Lehrkräfte anbelangt. Was ich jedoch wichtig finde: Natürlich wurde der Lehrplan in den Homeschooling-Zeiten nicht komplett abgebildet, aber die Folgen scheinen nicht so gravierend zu sein wie von vielen befürchtet. Die meisten Schüler:innen werden den zentralen Stoff nachholen können, wenn sie gut unterstützt werden.


Wie ist es nach knapp zwei Jahren Pandemie insgesamt um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen bestellt? Sind die Wartelisten in den kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken insgesamt länger als vor der Pandemie?

Das ist schwer zu beurteilen. Viele kinder- und jugendpsychiatrische Stationen, die Teil großer Kliniken sind, waren in der Pandemie aus Infektionsschutzgründen für Wochen geschlossen. Natürlich werden dann die Wartelisten länger. Eventuell liegt der größere Zulauf auch teilweise in einer Resonanzverstärkung begründet, und nicht nur darin, dass tatsächlich deutlich mehr Kinder und Jugendliche schwere psychische Krisen erleben. Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen steht durch die Pandemie einfach viel mehr im Fokus.


Der Präsident des Bayrischen Jugendrings, Matthias Fack, hat die flächendeckende Einführung von 3G für organisierte Jugendaktivitäten gefordert, damit ungeimpfte Jugendliche nicht pauschal ausgeschlossen werden. Halten Sie das für richtig?

Der Freizeitbereich ist ein sehr weites Feld. Die Entscheidung, ob eine Aktivität stattfinden sollte oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab, egal ob mit geimpften oder ungeimpften Jugendlichen. Ich glaube aber schon, dass insgesamt eher überreagiert wurde und man den jungen Menschen wieder mehr Möglichkeiten geben sollte, zusammen zu kommen, Dinge zu tun, die ihnen Spaß machen, sich auszupowern. Momentan haben viele das lähmende Gefühl, den Maßnahmen hilflos ausgeliefert zu sein und leiden oft noch mehr als Erwachsene unter den inkonsistenten Vorgaben: warum muss man auf dem Schulhof Maske tragen und in der knallvollen Fußgängerzone nicht? Warum sind Theater geöffnet, aber der Jugendclub geschlossen?


Worauf müssen Eltern in Bezug auf die psychische Gesundheit ihrer Kinder achten? Und was sollten sie tun, wenn sie sich beispielsweise wegen depressiven Symptomen oder übermäßigem Medienkonsum Sorgen machen?

Der Medienkonsum spielt eine Riesen-Rolle heutzutage. Die Jugendlichen sind quasi mit ihrem Handy verwachsen und teilweise wenig interessiert an anderen Aktivitäten oder analoger Kommunikation und viele Eltern machen sich deshalb Sorgen. Wer eine deutliche Veränderung bei Jugendlichen in Form eines starken Interessensrückgangs oder Rückzugs oder depressiver Symptome wahrnimmt, sollte professionelle Hilfe suchen. Egal ob beim Kinderarzt, Hausarzt, der Erziehungsberatungsstelle oder einem Therapeuten. Oft stellt sich heraus, dass kein behandlungsbedürftiges Problem vorliegt. Wenn das aber doch der Fall ist, sollte die Behandlung so früh wie möglich beginnen, denn dann ist sie am erfolgversprechendsten.


Die Vorstellung, das eigene Kind könnte versuchen, sich das Leben zu nehmen, ist für Eltern kaum zu ertragen. Wie alarmiert sollten Eltern auf Sätze wie „Ich wünschte, ich wäre tot“ reagieren?

Weder sollte man eine solche Aussage bagatellisieren noch in Panik verfallen. Es gilt ruhig zu überlegen, ob vor allem Wut und Provokation hinter der Aussage steckt oder echte seelische Not. Wenn man sich auch nach einem sensibel geführten Gespräch mit dem Kind oder Jugendlichen nicht sicher ist, sollte man schnell professionellen Rat suchen – so kann man verhindern, dass sich wirklich echt gemeinte suizidale Gedanken, wenn sie denn vorhanden sind, verfestigen.

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