Mehr als willkommen: Zurück in Kita und Schule

Über die Herausforderungen des Wiedereinstiegs in Kita und Schule - Ein Gespräch mit Dr. Christa Schaff

Bundesweit gehen Kitas und Schulen nach Ende der Sommerferien vom "eingeschränkten Regelbetrieb" zum "Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen" über. In vielen Bundesländern war bereits ein Kita- oder Schulbetrieb an einzelnen Wochentagen möglich, nach den Sommerferien wird in allen Bundesländern die regelmäßige, tägliche Betreuung von Kindern wieder gewährleistet sein. Damit neigen sich fünf lange, von starken Einschränkungen geprägte Monate, dem Ende zu. Kinder haben jetzt wieder die Möglichkeit, regelmäßig unter Gleichaltrigen und Freunden zu sein. Aber die Rückkehr zum Regelbetrieb ist keine Rückkehr zur gewohnten Normalität zu Zeiten vor Corona. Es gelten neue Rahmenbedingungen. Der Wiedereinstieg in den Alltag nach der langen Pause findet unter „Pandemiebedingungen“ statt und wird für Kinder, Familien, Erzieherinnen und Erzieher auch mit Herausforderungen verbunden sein.


Wir haben mit Dr. med. Christa Schaff über genau diese Herausforderungen gesprochen. Sie ist Fachärztin für Kinder und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und für Psychotherapeutische Medizin in Potsdam und stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Achtung!Kinderseele“.


Stiftung „Achtung!Kinderseele“: Was bedeutet der Wiedereinstieg nach so langer Zeit Ihrer Einschätzung nach für Kinder und Jugendliche?

Dr. med. Christa Schaff: Wie im März bei der Umstellung in die häusliche Situation ist auch dies wieder eine neue Herausforderung für alle – mit Freude, aber auch Belastungen. Grundsätzlich scheint Vorfreude und Erleichterung bei den meisten Kindern und Jugendlichen zu überwiegen. Die Aussicht auf das Treffen von Freunden, das gemeinsame Spielen und das Lernen im Klassenraum scheint bei den meisten Kindern Begeisterung hervorzurufen.


Aber es muss auch wieder Abschied genommen werden von manch positiver Erfahrung in den letzten Monaten. Es gibt Familien und Kinder, die durch die Pandemie profitieren konnten. Manche Kita-Kinder konnten sich durch die intensive Betreuung im Notbetrieb positiv entwickeln. Für einige Kinder entfiel die Belastung durch die permanente Lautstärke im Schulalltag und das Gedränge auf dem Korridor und Schulhof in Pausen. Vielleicht konnten sich diese Kinder beim Homeschooling besser konzentrieren und mit mehr Ruhe bessere Lernerfolge erzielen. Gerade für diese Kinder wird die Rückkehr in den Regelbetrieb wieder eine Herausforderung sein. Vielleicht werden sie aber auch durch die neuen Regeln für Abstands- und Hygienemaßnahmen und geordnete Führung in kleineren Gruppen angenehm überrascht von Schule sein.


Viele Familien waren in den letzten Monaten enorm gefordert und oft überfordert, eine für die Kinder hilfreiche Alltagsstruktur durchzuhalten und mit dem Homeschooling und gleichzeitiger Homework zurecht zu kommen. Die Welt ist für uns alle unsicherer geworden - mit der Sorge zu erkranken, Sorge um unsere wirtschaftliche Zukunft und Angst vor Verlust der Arbeitsplätze. Diese Verunsicherung spüren unsere Kinder – und brauchen mehr denn je klare Führung und Ansage von uns Erwachsenen. Leider sind Kinder und Jugendliche aus sozial weniger gut gestellten Familien und mit, aus welchen Gründen auch immer, überforderten Eltern in den letzten Monaten  in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung und ihren Lernfortschritten gegenüber Gleichaltrigen weiter ins Hintertreffen geraten. Jetzt müssen sie trotzdem neben den Klassenkameraden wieder bestehen und den Anschluss finden – das ist nicht nur für diese Kinder, sondern auch für Lehrer und Erzieher eine besondere Herausforderung!


Sehen Sie Chancen durch die aktuelle Situation?

Ja – das notwendigerweise intensivere Familienleben kann ein Gewinn aus der Zeit des Shutdowns für unsere Kinder sein. Manche Eltern konnten die Zeit nutzen, um ihre Kinder bewusster wahrzunehmen und wieder mehr kennen zu lernen – vor allem in der Lernsituation. Aber das gilt auch umgekehrt – Kinder hatten im besten Fall mehr Zeit mit ihren Eltern, vor allem mit ihren Papas. Wenn das die Vater-Kind-Beziehung gestärkt hat, da viele Väter durch Homeoffice zuhause sind/waren, kann das ihr Selbstvertrauen und ihre soziale Kompetenz fördern. Ich hoffe, dass diese Entwicklung beibehalten werden kann und der intensivere Blick auf die Kinder nicht verloren geht.


Sehen Sie aktuell kritische Entwicklungen als Folgen des Shutdowns?

Viele Familien haben Videochats für sich entdeckt. Es ist wichtig, sich jetzt auch mit der Medienkompetenz der Kinder zu beschäftigen. Die aktuelle DAK Studie stellt fest, dass sich der Medienkonsum um bis zu 75% erhöht hat. An dieser Stelle spielt sicherlich auch das Homeschooling eine Rolle. Aber Medien sind oft auch willkommen, um Kindern eine Beschäftigung zu geben, während die Eltern ruhig weiterarbeiten möchten. Das sollte kein Standard werden! Die Stiftung „Achtung!Kinderseele“ setzt sich seit ein paar Jahren mit „Medienkompetenz im Kindergartenalter“ auseinander und sieht in der zu starken Nutzung eine Entwicklungsgefährdung für Kinder, der jetzt wieder aktiv entgegen gewirkt werden sollte.

Kinder dürfen das Spielen mit echten Gegenständen und das Herumtollen mit Freunden nicht vergessen. Vielleicht müssen einige dies erstmal wieder neu lernen.


Welche Herausforderungen sehen Sie für Eltern und Erzieher?

Information und Kommunikation sind jetzt wichtiger denn je! Um der allgemeinen Verunsicherung zu begegnen, sollten Erwachsene sich untereinander gut über alle Regeln und Neuerungen informieren und viel miteinander kommunizieren – d.h. Eltern sollten Auskunft von Lehrern und Erziehern bekommen und Erzieher und Lehrer sollten auf Eltern noch mehr als bisher zugehen.


Kommunikation ist der Schlüssel, um Missverständnissen vorzubeugen


Gerade das Thema Kommunikation müssen wir alle bewusst angehen. Es gibt neue Regeln und Abläufe, an die wir uns alle gewöhnen müssen und die wir beachten sollten, um eine zweite Welle der Pandemie zu vermeiden. Hier gibt es verschiedene Neuerungen: kleinere Gruppen, feste Räume, regelmäßige Hygiene und notwendige Symptomfreiheit der Kinder. Schulen und Kitas sollten diese Konzepte klar und transparent an Eltern und altersgerecht auch an Kinder kommunizieren. Dadurch wird Vertrauen gestärkt und Missverständnisse werden vermieden. Es gibt Einrichtungen, in denen Eltern nicht auf das Gelände der Kita dürfen. So haben die Erzieherinnen und Erzieher keine Zeit, um mit den Eltern zu sprechen. Die fehlende Kommunikation, die hierdurch entsteht, sorgt für Unzufriedenheit.


Haben Sie einen Tipp, wie man damit umgehen kann?

Um die neuen Regeln auch an Eltern weiter zu geben, eignet sich z.B. ein übersichtliches Informationsblatt.  Außerdem ist inzwischen der Online-Kontakt zwischen Eltern und Lehrern selbstverständlicher geworden und kann zur Information und Kommunikation mit Eltern genutzt werden. Für den persönlichen Kontakt zu Eltern in Kitas oder Grundschulen könnte z.B. eine Ansprechperson während des Bringens und Abholens am Eingang stehen und für die Fragen der Eltern als Ansprechpartner da sein. Wiederholte Fragen können gebündelt und an alle Eltern weitergeleitet werden. Das könnte auch an Schulen funktionieren.


Welche psychischen Auffälligkeiten bei Kindern könnten sich jetzt besonders zeigen?

Neben Schwierigkeiten bei der sozialen Anpassung an die neue Kita- und Schulsituation kann es nach der langen Pause möglicherweise mehr Trennungsprobleme geben. Gerade für Kinder im Kindergartenalter kann die Wiedereingliederung schwierig werden. Für viele Kinder, die sich in den Monaten des Shutdowns an die intensivere Bindung zu ihren Eltern und Geschwistern gewöhnt haben, steht jetzt wieder die Loslösung bevor. Trennungssymptome mit Wutanfällen und Ängsten können entstehen. Unterschiedliche Regeln im Umgang mit dem Virus zuhause und in der Kita können zusätzliche Frustration und beispielsweise daraus entstehende Ängste oder Wutanfälle begünstigen.


Wie können Eltern und Erzieherinnen und Erzieher darauf reagieren?

Eltern sollten eine klare Botschaft aussenden: „Ab jetzt geht es wieder in die Kita“. Wenn ein Elternteil unsicher ist und innerlich Vorbehalte, z.B. wegen des Infektionsschutzes, hat, sollte das andere Elternteil das Kind zur Kita bringen. Kinder sind sensibel, nehmen die ängstlichen Schwingungen in ihren Bezugspersonen auf und reagieren darauf, z.B. mit eigenen Ängsten. Hier sind die Eltern gefordert, dem entgegenzuwirken.

Erzieherinnen und Erziehern würde ich raten, Kindern mit auffälligem Verhalten Nähe und Ruhe zu geben. Falls es möglich ist, empfehle ich, diesen Kindern einen eigenen Raum und kleinere Gruppen zu ermöglichen.


Herausforderung: „jedem Kind Aufmerksamkeit geben“


Natürlich wünsche ich mir, dass alle Kinder bewusst wahrgenommen werden. Auch die Zurückhaltenden und nicht nur die Wilden. Es kann sein, dass es Veränderungen im Sozialverhalten gibt, insbesondere bei Kindern, die in den vergangenen Monaten keine Geschwister oder gleichaltrige Kinder zum Spielen hatten. Das Spielen in der Gruppe muss vielleicht erst wieder erlernt werden.

Soziale Ängste bei Kindern haben häufig mit Unsicherheit zu tun. Das kann z.B. die Angst sein, etwas falsch zu machen, sich vor anderen zu blamieren oder von anderen verspottet zu werden. Kinder mit sozialer Angststörung vermeiden typischerweise soziale Ereignisse und andere Situationen, in denen sie Beschämung oder Verlegenheit ausgesetzt sein könnten. In diesem Fall sollten die Kinder in kleineren Gruppen wieder anfangen, sich an die Kita zu gewöhnen. Außerdem hilft es, die Rituale der Kita bewusst zu wiederholen und dadurch wieder einzuüben.

In der Anfangsphase sollten Kinder mehr geführt und angeleitet werden, als das vielleicht sonst üblich war, um ihnen wieder den Rahmen zu zeigen und spürbar zu machen, in dem sie sich auch in der Gruppe gehalten fühlen können. Es kann hilfreich sein, gerade am Anfang Gruppenspiele bewusst anzuleiten und den Kindern erst später Freiraum zur Entfaltung zu geben. Dabei kann man das Verhalten der einzelnen Kinder beobachten. Kinder, die sich isolieren, sollten besonders im Fokus sein.


Worauf sollten sich Politik und Einrichtungen bei einer zweiten Welle einstellen?

Keine erneute flächendeckende Kita- und Schulschließung!

Eine solche wenig spezifische Reaktion darf kein zweites Mal stattfinden. Denn für die körperliche, soziale und seelische Entwicklung der Kinder, ihre Bildung und die gesamtgesellschaftliche Situation sind neue Schließungen von Einrichtungen eine Gefahr. Gerade für Kinder aus sozial schwächeren Familien sowie Kinder mit einem höheren Förderbedarf war diese Schließung eine Grenzerfahrung. Für Kinder, die zuhause nicht angemessen gefördert werden können, sind Bildungsnachteile zu befürchten. Es sind Entwicklungsnachteile zu befürchten, da Familien aus sozial schwächeren Haushalten die in vielen Kitas angebotenen regelmäßigen und ausgewogene Mahlzeiten nicht immer garantieren können. Bei Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund kann es zu sprachlichen Entwicklungsrückschritten kommen, die nun mühsam aufgeholt werden müssen.

Dr. Christa Schaff (c) Ralph von Kaufmann

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