Mein Schuljahr 2020

Mit unserer Schülerpraktikantin hatten wir ein Gespräch über ihre bisherigen Erfahrungen in der Schule während der Corona-Pandemie. Sie ist 15 Jahre alt, geht in Hamburg auf eine Gesamtschule und ist in der 10. Klasse. Hier lassen wir sie in ihren eigenen Worten von der Zeit zwischen März und August 2020 berichten.

Holpriger Start

Ende der Märzferien habe ich mit einer Freundin darüber gesprochen, ob die Schulen geschlossen werden. Man hat in den Nachrichten gehört, was passiert, wusste aber nicht, ob es eine Schulschließung geben würde. Wir wurden dann am Ende benachrichtigt, dass wir erstmal nicht in die Schule gehen können. Zu dem Zeitpunkt sind wir davon ausgegangen, zuhause arbeiten zu müssen, hatten aber noch keine Vorstellung davon, wie Homeschooling sein würde.


Am ersten Schultag nach den Märzferien hatten wir dann keine Aufgaben und haben nichts von unseren Lehrer*innen gehört. Wir haben darauf gewartet, Aufgaben zu bekommen, weil wir davon ausgegangen sind, dass wir welche bekommen. Einerseits fanden wir es nicht schlimm, dass wir keine Aufgaben hatten, weil es direkt nach den Ferien war und wir eh wenig Lust hatten, wieder in die Schule zu gehen oder Aufgaben zu bearbeiten. Andererseits hat es sich komisch und etwas verunsichernd angefühlt, dass man zuhause war obwohl man eigentlich Schule hatte und nicht wusste, wie es weitergeht. Außerdem wusste man, dass man wegen einer Pandemie zuhause bleibt, an der Leute sterben. Ich hatte nicht wirklich Angst, selber an dem Coronavirus zu erkranken, aber ich wusste, dass das Virus für andere Menschen und für die Gesellschaft schlimme Auswirkungen hat.


Die Organisation des Homeschooling

Am zweiten Schultag nach den Sommerferien wurde wir von unseren Lehrer*innen kontaktiert. Nun gab es eine Website (Padlet) mit Aufgaben für uns. Wir hatten jeden Morgen Videokonferenzen mit unserem Klassenlehrer und unserer Klassenlehrerin. Nach und nach haben wir Aufgaben für fast alle Fächer bekommen, erst nur für die Hauptfächer, dann auch für andere. Wir hatten verschiedene Plattformen, über die wir mit Lehrer*innen kommuniziert haben (Discord für Sprach- und Textchats, Schul.cloud für Textchats, Padlet für Informationen und Aufgaben und Jitsi für Videochats). Während der ganzen Zeit wussten wir nicht, wie lange wir im Homeschooling sein würden.


Es war komisch und ungewohnt, von zuhause zu arbeiten und die Klasse nur über Videochats zu sehen. Manche fanden es gut, nicht in die Schule zu müssen, aber manche kamen auch nicht so gut damit klar. Für viele war es schwierig, sich an die neue Situation zu gewöhnen und mit den verschiedenen Plattformen zurechtzukommen.


Gewöhnung an das Homeschooling

So langsam gewöhnten wir uns an die neue Art, Schule zu haben. Wir hatten täglich Videochats mit unserer Klasse. Dafür wurden wir in drei Gruppen unterteilt. Man musste bei den Videochats entweder sein Gesicht oder seinen Oberkörper und die Hände zeigen, damit die Lehrer*innen sehen konnten, dass man nicht noch etwas Anderes gleichzeitig macht. Wenn wir Fragen zu Aufgaben hatten, konnten wir diese über Schul.cloud oder Discord stellen oder uns für eine Sprechzeit bei unserer Klassenlehrerin oder unserem Klassenlehrer anmelden. Die Sprechzeiten fanden über Sprachchat (Discord) oder Videochat (Jitsi) statt.


Da ich aus Datenschutzgründen nicht wollte, dass Jitsi Zugriff auf die Kamera meines Laptops hat, habe ich für die Videochats ein I-Pad von der Schule bekommen.


Wir hatten Deadlines für bestimmte Aufgaben und mussten diese hochladen, damit unsere Lehrer*innen kontrollieren konnten, ob wir sie gemacht haben. Wir mussten auch Präsentationen über Videochats halten. Ich habe fast täglich mit einer Freundin von mir telefoniert und mit ihr zusammengearbeitet.


Es war für manche schwierig, sich mit allem zurechtzufinden und den Tag zu strukturieren. Viele fanden es hilfreich, dass wir morgens Videochats hatten, da man so eine feste Zeit hatte, zu der man aufstehen musste. Einige kamen nicht gut damit klar, selbstständig zuhause zu lernen. Manche fanden es aber auch gut, selbst entscheiden zu können, wann sie was machen. Es war nervig, dass man, wenn man Fragen hatte, oder eine Aufgabe nicht verstanden hatte, immer warten musste, bis die Lehrer*innen antworten oder man in eine Sprechzeit konnte.


Unterricht in der Schule vor den Sommerferien

Ab Juni hatten wir wieder Unterricht in der Schule. Das heißt, wir waren vor den Sommerferien nur ein paar Mal in der Schule. An den Tagen waren wir wieder mit der halben Klasse in einem Raum. Die eine Hälfte war im Musikraum, die andere im Klassenraum. Die Tische waren mit Abständen zueinander aufgestellt. Man musste immer am gleichem Platz sitzen, Maske tragen und sich die Hände waschen, wenn man reingekommen ist. Wir hatten kürzeren Unterricht als normal und auch nicht an jedem Tag.


Ich fand es relativ unnötig, dafür überhaupt in die Schule zukommen, weil wir da viel geredet und nicht viel gearbeitet haben. Zuhause habe ich mehr geschafft. Manche haben sich aber gefreut, die Mitschüler*innen wiederzusehen. Es war komisch für uns, mit so großen Abständen zueinander zu sitzen und so nicht wirklich miteinander reden zu können.


Ende Sommerferien/ Schulöffnung

Zum Ende der Sommerferien wurde uns gesagt, dass die Schule im neuen Schuljahr wieder relativ normal stattfinden würde. Wir konnten uns schwer vorstellen, wieder mit der ganzen Klasse Unterricht und einen normalen Stundenplan zu haben. Auf den Gängen und auf dem Schulhof mussten wir Masken tragen, aber in der Klasse nicht. Außerdem sollten wir nur mit Leuten aus unserem Jahrgang Kontakt haben. Zu Leuten aus unserer Klasse mussten wir keine Abstände einhalten. Die Lehrer*innen haben Masken getragen.


Manche fanden es komisch, wieder mit so vielen Leuten Unterricht zu haben, da Corona ja immer noch da war. Wir wussten nicht, warum wir vor den Ferien nicht in die Schule konnten und jetzt schon. Manche waren aber auch froh, nicht mehr im Homeschooling zu sein. In manchen Fächern (vor allem, in den Fächern, die nicht so wichtig sind wie z.B. Chemie) hat man gemerkt, dass einige Schüler*innen weniger oder sogar gar nicht an den Aufgaben gearbeitet haben, die wir im Homeschooling hatten. So waren einige Schüler*innen weiter als andere. Es gab in der Schule keine Angebote, den Stoff aus der Zeit vor den Sommerferien nachzuholen.


Das neue Schuljahr

Inzwischen ist es relativ normal in der Schule, da man wieder normalen Unterricht hat. Wir müssen beim Reinkommen, auf den Gängen und auf dem Schulhof Masken tragen. Nicht alle halten sich daran oder nehmen es ernst. Ich finde es komisch, dass man in den Nachrichten hört, dass fast überall die Fallzahlen steigen und wir trotzdem mit über 20 Leuten in einem Raum sitzen, ohne Abstand zu halten oder Masken zu tragen. Die Lehrer*innen dürfen drei Corona-Tests bis zu den Herbstferien machen. Wenn jemand Corona bekommen würde, müsste diese Person zuhause bleiben und die Personen, die länger mit dieser Person Kontakt hatten (ein 15-minütiges Gespräch) auch, aber nicht die ganze Klasse. Manche Lehrer*innen gehen davon aus, dass wir bald wieder im Homeschooling sind.



Vielen Dank für den Erfahrungsbericht. Wir haben die Zeit mit unserer Praktikantin als sehr bereichernd empfunden. Sie hat uns ihre Perspektive als Schülerin auf das Thema „seelische Gesundheit“ und die Covid-19-Pandemie nähergebracht.


Es zeigt uns, dass jede Person, und auch jede Altersgruppe, die Herausforderung der aktuellen Zeit anders wahrnimmt. Bleiben Sie im Gespräch mit den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Ihrem Umfeld und unterstützen Sie sie in dieser ungewöhnlichen Zeit.

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Herzlich willkommen, Johannes Büchs!

Wir begrüßen Johannes Büchs als neuen Botschafter der Stiftung "Achtung!Kinderseele". Auf unser gemeinsames Engagement für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen freuen wir uns sehr.

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