Thema: Psychische Erkrankungen

Psychische Störungen: Jedes fünfte Kind ist stark gefährdet oder bereits erkrankt.

 

Seelische Erkrankungen zählen zu den häufigsten Krankheiten der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Knapp 20 Prozent der unter 18-jährigen, d.h. knapp vier Millionen Kinder und Jugendliche, weisen psychische Auffälligkeiten auf.

 

Erhebungen des Robert Koch-Instituts in Berlin zur Kinder- und Jugendgesundheit belegen: 20 Prozent der Kinder in der Bundesrepublik Deutschland weisen psychische Auffälligkeiten auf und zehn Prozent sogar deutlich erkennbar zutage tretende Störungen.¹

Psychische Störungen

Je nach Alter und Entwicklungsstadium der Kinder und Jugendlichen stehen unterschiedliche Störungen und Erkrankungen im Vordergrund. Dabei gibt es folgende grundlegende Problembereiche:

  • Emotionale Probleme, dazu zählen Ängste, depressive Symptome, Essstörungen und Somatisierungsstörungen (d.h. der Ausdruck von emotionalen Problemen in körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen).

  • Verhaltensauffälligkeiten im Sinne von abweichendem und insbesondere auch aggressivem Sozialverhalten gegenüber anderen in Form von Opposition, Prügeln, Wutausbrüchen, Ungehorsam, Lügen und Stehlen oder eine Hyperaktive Störung, die gekennzeichnet ist durch situationsübergreifende ausgeprägte motorische Unruhe, Ablenkbarkeit, Impulsivität und unüberlegte Handlungen.

  • Soziale Probleme, wie z.B. Probleme mit Gleichaltrigen, Kontaktschwierigkeiten, d.h. von anderen isoliert sein, keinen guten Freund haben, nicht beliebt sein, gehänselt werden oder besser mit Erwachsenen als mit Gleichaltrigen auskommen.
     

  • Seltene psychische Erkrankungen wie Autismus Spektrumstörungen, affektive und schizophrene Psychosen, die zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensbewältigung führen können oder Verhaltensauffälligkeiten nach hirnorganischen Erkrankungen, wie Schädel-Hirn-Trauma oder bei geistiger Behinderung.
     

  • Psychische und Verhaltensprobleme durch psychotrope Substanzen, wie Alkohol, Cannabis und den Konsum anderer Substanzen stellen ebenfalls im Jugendalter ein häufiges Problem dar.

​Zu den am meisten vorkommenden seelischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen zählen Angststörungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS), depressive Störungen und Störungen des Essverhaltens. Der Symptomkatalog umfasst insgesamt eine Vielzahl von unterschiedlichen seelischen Störungen und Erkrankungen die, wenn sie rechtzeitig erkannt werden, gut behandelt werden können. Sie sollten möglichst frühzeitig wahrgenommen werden, um darauf angemessen zu reagieren und nicht erst dann, wenn es schon fast zu spät ist.

Erkennen

Seelische Störungen betreffen das Denken, Fühlen und Handeln. Dieses ist generell von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Zudem spielen sich das Denken und Fühlen zum Großteil im Inneren eines Menschen ab. In der Kindheit und Jugend sind die Unterschiede in den Gedanken, den Gefühlen und dem Verhalten besonders deutlich ausgeprägt und darüber hinaus noch vom Alter und Entwicklungsstand mit beeinflusst. Deshalb sind psychische Störungen nicht immer leicht zu erkennen – weder für die Betroffenen noch für Außenstehende. Zum individuellen Leiden gehören zum Beispiel, je nach Störungsart, Gefühle von Angst, Traurigkeit und Leere, oder auch innere Unruhe, Konzentrationsstörungen oder psychosomatische Symptome, wie Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden.

 

Als verhaltensauffällig wird ein Kind immer dann bezeichnet, wenn es sich oft erheblich anders verhält als die meisten Kinder seines Alters in gleichen oder ähnlichen Situationen. Welches Verhalten als normal und welches als auffällig bezeichnet wird, hängt aber auch von den Normen und Erwartungen, dem Kulturkreis und dem Alter ab. Ein etwa zweijähriges Kind, welches häufig Trotzanfälle hat, verhält sich alters angemessen. Die gleichen Verhaltensweisen bei einem Schulkind können hingegen als Verhaltensauffälligkeit bezeichnet werden.

Vermeiden

Die Entstehung der meisten psychischen Störungen ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig, die in Wechselwirkung zueinanderstehen können. Dazu gehören neben anlagebedingten genetischen und körperlichen Faktoren, individuell-lebensgeschichtliche Aspekte und soziale Bedingungen. Grundsätzlich kann eine psychische Störung jeden treffen; niemand ist vor einer Erkrankung der Seele gefeit. Es gibt jedoch eine Reihe von Risiko- und Schutzfaktoren, die das Auftreten einer seelischen Störung begünstigen oder aber die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Auftreten einer psychischen Störung erhöhen können.

 

"Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!" ist ein wichtiges Prinzip, das auch bei psychischen Störungen gilt. Auch wenn das leichter gesagt, als getan ist. Wer gut informiert ist und die Risikofaktoren und Anzeichen seelischer Erkrankungen kennt, kann besser vorbeugen und sich bei ersten Anhaltspunkten für psychische Probleme Hilfe holen. Deshalb sind Früherkennung und Prävention sehr wichtige Themen, denen in Zukunft eine größere Beachtung geschenkt werden sollte, und mit denen sich die Stiftung „Achtung!Kinderseele“ intensiv beschäftigt.

Behandeln

Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie klären durch Diagnostik (Methoden, die der Erkennung und Benennung einer Krankheit dienen) ab, ob eine psychische Erkrankung vorliegt. Sie arbeiten in- und außerhalb der Praxis mit unterschiedlichen Berufsgruppen zusammen, z.B. mit Sozial- und Heilpädagoginnen und -pädagogen, Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und-therapeuten sowie mit Fachkräften aus der Ergo-, Logo-, Musik- oder Kunsttherapie. So können das diagnostische und therapeutische Wissen der einzelnen Fachleute für das Kind optimal genutzt und koordiniert werden. Neben der Familie können – wenn nötig oder gewünscht – auch der Kindergarten oder die Schule in den Untersuchungs- und Therapieprozess mit einbezogen werden. Durch die ambulante kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik und Behandlung kann ein Aufenthalt in einer Klinik oft verhindert werden. Sollte dennoch eine stationäre oder teilstationäre Behandlung notwendig sein oder ein Notfall vorliegen, wird den Eltern und den Kindern und Jugendlichen geraten, eine Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und-Psychotherapie aufzusuchen. Diese ca. 160 Kliniken in Deutschland sind rund um die Uhr auch für Notfälle erreichbar.

Bewältigen

Neben den individuellen Erfahrungen entstehen weiteres Leid und hohe Belastungen aus Unkenntnis und Unverständnis der Umwelt. Kinder mit seelischen Problemen haben es ihm Gegensatz zu denjenigen, die rein körperliche Beschwerden aufweisen, besonders schwer, da sie häufig nicht auf Verständnis und eine besondere Zuwendung und Hilfe treffen.

 

Insbesondere Kinder mit Verhaltensweisen, die sie als Folge ihrer seelischen Probleme entwickelt haben, stoßen im Kindergarten und in der Schule auf Unverständnis. Ihnen werden Vorurteile entgegengebracht, wie „unerzogen“, „aggressiv“ oder „eigenbrötlerisch“, die das in der Krankheit bedingte Leid noch verstärken können. In der Gruppe der Gleichaltrigen akzeptiert zu werden, ist schon für gesunde Kinder eine schwierige Aufgabe. Für belastete Kinder ist es wie ein „Marathonlauf mit einem verletzten Bein“. Kinder erhalten das Signal „Du bist nichts wert. Du bist blöd, geh’ weg.“ Die Kinder werden möglicherweise ausgegrenzt, nicht integriert, gemobbt. Die betroffenen Kinder ziehen sich häufig zurück, werden möglicherweise zu Außenseitern und fühlen sich abgelehnt. In der Folge kommt es häufig zu Rückzug und Verweigerung. Die Schulzeit ist ein Meilenstein. Wenn die Integration in die Gruppe der Gleichaltrigen nicht gelingt, ist das ein schlechter Start ins Leben.​

¹ KIGGS: Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Welle 2, Erhebung 2017