Einblick ins Kita-Patenprogramm

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Wissen vermitteln und Berührungsängste abbauen

Interview mit Dr. med. Elke Hildebrandt, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, und Kita-Patin bei der Stiftung „Achtung!Kinderseele“, geführt im Juli 2022 für den Online-Newsletter der Stiftung

Frau Dr. Hildebrandt, seit wann engagieren Sie sich als
Kita-Patin für die Stiftung "Achtung!Kinderseele"?

Seit 2016. Bei meiner jetzigen Paten-Kita, der AWO-Kita am Berliner Platz in Essen, bin ich seit 2020.

Wie gestalten Sie die Patenschaft?

Jetzt, wo es wieder möglich ist, biete ich zwei Elternabende im Jahr an. Die Kita fragt vorher Themenwünsche bei den Eltern ab, nach denen ich mich richte. Eine geplante Fortbildung für die Erzieher:innen ist dieses Jahr bisher an Terminschwierigkeiten gescheitert, aber das schaffen wir noch. Thematisch wollen wir uns auf Bindungsstörungen konzentrieren, das steht schon fest.

Was sind Ihre Beweggründe, sich ehrenamtlich für Kita-Kinder zu engagieren?

Der Präventionsgedanke ist einfach so gut, also die Möglichkeit, etwas zu tun, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Ich finde es sehr wichtig, Eltern und Erzieher:innen die Berührungsängste zur Kinder- und Jugendpsychiatrie zu nehmen, ihnen zu zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind und den Kindern helfen können, wenn sie Probleme haben. Für mich persönlich ist es auch interessant, mit so kleinen Kindern zu tun haben, die noch dazu meist keine gravierenden Probleme haben. Das erlebe ich in meiner Praxis ja selten.

Haben Sie auch während der Pandemie Kontakt zu „Ihrer“ Kita gehalten?

Ja. Wir haben Anfang 2020 den Vertrag unterzeichnet, dann kam gleich Corona. Aber wir haben Kontakt gehalten,
E-Mails geschrieben und geplant, was wir machen wollen, wenn es wieder möglich ist.

Warum ist es wichtig, über psychische Krankheiten von Kita-Kindern aufzuklären?

Wenn Eltern oder Erzieher:innen früh erkennen, dass ein Kind Hilfe braucht, und diese Hilfe dann auch schnell gesucht wird, kann eine Verfestigung des Krankheitsbilds oft verhindert werden. Das erspart den Kindern und ihren Bezugspersonen viel Leid.

Sehen Sie konkrete Auswirkungen der Pandemiezeit auf Kleinkinder und Vorschüler:innen?

Studien zufolge sind Kita-Kinder im Durchschnitt noch am besten durch die Zeit gekommen. Schulkinder wurden schon mehr belastet, vor allem natürlich, wenn sie aus ohnehin schon belasteten Familien kommen. In meiner Praxis behandle ich auch Schüler, die schon vor der Pandemie sehr zurückgezogen waren. Da hilft es natürlich nicht, dass sie die soziale Interaktion mit Gleichaltrigen so lang kaum üben konnten.

Was bringt Ihnen persönlich die Patenschaft?

Für mich ist sie eine Möglichkeit in den Alltag von Erzieher:innen und Familien mit kleinen Kindern, die noch keine psychiatrischen Auffälligkeiten haben, hineinzusehen und mehr über deren konkrete Herausforderungen zu erfahren.

Wann hatten Sie das Gefühl, besonders stark helfen zu können?

Keine 200 Meter von der Kita entfernt gab es im Februar einen Großbrand in einem Wohnkomplex. Über 100 Menschen verloren dadurch ihr Zuhause, noch mehr waren von einer nächtlichen Evakuierung betroffen und wussten lange nicht, ob das Feuer auf ihre Wohnungen übergreifen würde. Die betroffenen Eltern bekamen dann eine Sonder-Erlaubnis, ihre Kinder in die Kita hinein zu begleiten. So konnte ich vor Ort ein Gesprächsangebot machen, was zwei Mütter auch angenommen haben, die das Erlebte für sich verarbeiten wollten und sich fragten, wie sie mit ihrem Kind am besten über die schreckliche Nacht reden sollen. Für sie war das eine große Erleichterung.

Was könnte und sollte allgemein noch getan werden, um die psychische Gesundheit von Kita-Kindern zu fördern?

Das ist vor allem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Kitas brauchen eine bessere personelle Ausstattung, die Erzieher:innen müssen besser bezahlt werden und sollten eine regelmäßige Supervision in Anspruch nehmen können. Die Qualität der Kitas unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland und von Kita zu Kita extrem. In Kitas, die schlecht ausgestattet sind, besonders personell, weisen die Kinder eher kognitive und soziale Defizite auf. Besonders deutlich ist der negative Effekt bei den unter Dreijährigen.

Was sollte sich in 20 Jahren im Umgang mit psychischen Krankheiten von Kindern geändert haben?

Es hat sich schon viel getan, aber eine echte Selbstverständlichkeit im Umgang mit seelischen Problemen ist immer noch nicht da und leider auch nicht das breite Wissen, dass eine Behandlung in den allermeisten Fällen hilft. Wenn 15-Jährige zu mir kommen, die schon seit der Grundschule riesige Schwierigkeiten haben und damit jahrelang allein gelassen worden sind, macht mich das schon traurig.

Letzte Frage: Wenn Sie am Times Square auf einer Plakatwand für 24 Stunden ein Zitat veröffentlichen könnten, welches wäre es? 

Da würde ich mich für einen Satz von Jesper Jul entschei-den: „Von der Qualität der Beziehung hängt alles ab."