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Wenn es Corona zuhause nicht gibt

Wildblumen

Eine Mutter hilft ihrem Sohn dabei, eine Maske aufzusetzen. (c) August de Richelieu von Pexels

28. August 2020

Verschwörungstheorien in Zeiten von Corona und mögliche Auswirkungen auf Kinder

So mancher Mensch erzählt seit der Corona-Pandemie, dass er seine Staatsbürgerschaft zurückgeben wolle, dass er auf Telegram gelesen habe, ihm sollten durch Impfungen Chips injiziert werden, und dass das Virus als Waffe im Ausland entworfen und nun weltweit eingesetzt werde. Derartige Verschwörungstheorien werden in Folge der Corona-Pandemie vermehrt verbreitet.


Grundsätzlich können die sog. Verschwörungstheorien als Erklärungsmuster für soziale und/oder politische Ereignisse betrachtet werden. Häufig haben diese zum Inhalt, dass eine kleine Elite im Verborgenen die Fäden ziehe und den Rest der Menschheit systematisch täusche. Einige wenige Menschen meinen, dass sie diese Machenschaften erkannt haben: die Anhänger von Verschwörungstheorien. Sie glauben, ein spezielles Wissen zu besitzen, welches dem Rest der Menschheit verborgen ist. Mal nicht mit dem Strom zu schwimmen und eine andere Meinung zu vertreten, als die Mehrheit es tut, mag für einige Menschen attraktiv erscheinen. Natürlich stärkt es auch das Sicherheitsgefühl in diesen unsicheren Zeiten, wenn man glaubt, alles durchschaut zu haben.


Allerdings wird im Falle von Verschwörungstheorien, die auf das Corona-Virus abzielen, das für alle angstauslösende Ereignis durch ein anderes ergänzt oder, wenn die Gefährlichkeit des Virus gar bestritten wird, ersetzt. Die Verschwörungstheorie kann verunsicherten Menschen ein Erklärungsmodell bieten, bei dem sie sich nicht mit den Gefahren des Corona-Virus direkt auseinanderzusetzen haben. Als Folge werden gesellschaftliche Praktiken, wie etwa Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln, Supermärkten, Arztpraxen, Kitas und Schulen zu tragen, ignoriert, belächelt oder gar aggressiv konterkariert.


Viele Menschen wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn Kinder in Medien von solchen Ideen hören, Angst bekommen oder anfangen, selbst an die Verschwörungstheorien zu glauben. Welche Folgen das Verhalten von Eltern haben kann, die sich klar gegen gesellschaftliche Erfordernisse wenden, kommentiert Dr. Christa Schaff. Sie ist stv. Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Achtung!Kinderseele“:


„Je nach Alter können Kinder die inhaltlichen Aussagen ihrer Eltern in unterschiedlicher Weise einordnen. In jungen Jahren reagieren Kinder vorrangig auf Mimik und Gestik der Eltern und Spannungen im Miteinander bzw. die häusliche Atmosphäre.


Chronische Aufregungen und Spannungen der Eltern oder zwischen den Erwachsenen beeinflussen Kinder nachhaltig.


Das kann zu psychischen Auffälligkeiten führen. Kinder weinen häufiger, ziehen sich zurück, können schlechter einschlafen, werden wütend oder trotzig. Auf jeden Fall werden sie in ihrem Sicherheitsgefühl bei ihren Eltern beeinträchtigt. Schlimmstenfalls entwickeln sie depressive Reaktionsmuster oder Ängste bzw. aggressives Verhalten oder körperliche Symptome wie Bauchweh, Kopfweh oder Einschlaf- und Schlafstörungen. Ob das so passiert hängt von der Sensibilität des Kindes ab, von seinem Alter, seiner intellektuellen Entwicklung, aber auch davon, wie eigenständig es sich schon entwickeln und gegenüber seinen Eltern abgrenzen kann. Natürlich aber auch davon, wie heftig und offen die Eltern ihre Aversion gegen die gesellschaftlich vorgeschriebenen Maßnahmen zeigen.


Die Pandemie mit ihren Folgen hat Kinder mindestens ebenso verunsichert wie uns Erwachsene.


Erleben Kinder jetzt, dass es in der KiTa oder in der Schule andere Regeln bzgl. Abstand und Maske als zuhause gibt, werden sie möglicherweise zuhause sogar belächelt oder kommentiert, wenn sie Maske tragen wollen, so ist das eine zusätzliche emotionale Verwirrung für Kinder. Diese kann sie in einen Loyalitätskonflikt zwischen Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern und ihren Eltern bringen, denen sie sich primär loyal verpflichtet fühlen. Schlimmstenfalls trägt das dazu bei, dass sie Erwachsenen nicht mehr glauben und trauen und zunehmend machen, was sie selbst für richtig halten und selbst bestimmen. Das sieht dann wie Ungehorsam, Trotz, Wut aus – ist aber eigentlich Verwirrung und Verunsicherung. Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher sollten hellhörig werden, wenn solches Verhalten in KiTa oder Schule auftritt, da das neben anderen Belastungen auch auf ihren Loyalitätskonflikt bzgl. des Verhaltens in der Pandemie hinweisen kann. Sie sollten mit den Kindern auch darüber sprechen.


Kinder erleben im gesellschaftlichen System und in der sozialen Gruppe Sicherheit.


Solche Verunsicherungen und Konflikte können aber auch zu Angstsymptomatik und -störungen führen, die sich in abendlichen Ängsten, schlimmen Angstvorstellungen und -träumen, Verweigerung des KiTa- oder Schulbesuchs und ausgeprägter Anhänglichkeit an die Eltern zeigen können. Dann ist therapeutische Hilfe für Kind und Eltern notwendig. Dabei sollte den Eltern deutlich gemacht werden, dass sie ihre Haltung gegenüber den gesellschaftlichen Pandemiemaßnahmen, aber auch ihre Empörung und Wut wegen erlebter Freiheitsbeschränkung für sie selbst, vor den Kindern weniger zeigen sollten. Sie sollten wissen, dass Kinder im gesellschaftlichen System mit seinen strukturierten Maßnahmen auch Sicherheit erleben sowie sich in der sozialen Gruppe gehalten fühlen und dies für ihr eigenes Sicherheitserleben benötigen.“


Die Stiftung „Achtung!Kinderseele“ setzt sich für einen wissenschaftlichen Transfer ein und steht hinter der wissenschaftlichen und faktenbasierten Auseinandersetzung mit Studien und gesellschaftlich relevanten Themen.

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