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Unter 3 Jahren sind Medien tabu! - Interview mit einem Facharzt

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"Um Menschen zu helfen, braucht es Kommunikation und Vernetzung" 

Peter Carlsen vorstellen engagiert sich in unserem Kita-Paten-programm und war bis zu seinem Ruhestand als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in Pinne-berg tätig. Er hat seine erste Kita-Patenschaft in Hamburg im Herbst 2024 übernommen und ist kurz vor der Besiegelung einer zweiten. Wir haben mit ihm u. a. über seine ersten Erfahrungen als Kita-Pate und die größten Herausforderungen für Erzieher:innen und Eltern in unserer Zeit gesprochen.

Lieber Herr Carlsen, Sie sind seit einem knappen Jahr als Pate einer Kita im Hamburger Stadtteil Eidelstedt aktiv. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten überrascht?

Besonders überrascht hat mich das Engagement der Erzieherinnen und Erzieher, die in den Kitas wirklich sehr anstrengende und hervorragende Arbeit machen, super engagiert sind und sich sehr viele Gedanken machen. Das Zweite, was mich überrascht hat, war, dass sie mit viel mehr herausfordernden Situationen zu tun haben als man denkt. Bis zu 90 Prozent der Kinder in „meiner“ Kita haben Migrationshintergrund, das bringt besondere Herausforde-rungen mit sich, die ein spezielles Verständnis und die Auseinandersetzung mit vielen Themen erforderlich machen. Zumal der Knackpunkt letztlich nicht nur in der Arbeit mit den Kindern liegt, sondern auch mit den Eltern, wo es den Erzieher:innen gelingen muss, Vertrauen und Verständnis aufzubauen. Und das ist mit Menschen aus ganz anderen Kulturen manchmal gar nicht so einfach.

Und welche Herausforderungen stellen sich konkret?

Menschen oder Eltern nicht zu schnell einzuordnen oder in eine Schublade zu stecken, sondern erst mal zu versuchen zu begreifen, was ist da eigentlich los, warum ist das Kind so auffällig. Welchen Hintergrund hat diese Familie, aus welcher Kultur kommt sie, was hat sie erlebt? Das ist alles andere als einfach, weil gerade geflüchtete Familien oft nicht so offen sind, sondern den Erzieherinnen und Erziehern erstmal sehr vorsichtig begegnen. Viele befürchten, dass sie negativ eingeordnet werden, dass man sie nicht versteht, was ja auch oft tatsächlich passiert, vor allem, solange sie die Sprache nicht so gut beherrschen. Deswegen habe ich bei meinen Infoabenden für die Erzieher:innen viel mit Fallbeispielen gearbeitet, um ihnen ein Gefühl dafür zu geben, was passiert eigentlich mit den Menschen, die nicht mehr zu Hause leben können und in eine ganz fremde Kultur flüchten müssen. In meiner beruflichen Arbeit hatte ich sehr viel mit unbegleiteten jungen Migranten und Flüchtlingen zu tun und habe auch zwei Wohngemeinschaften betreut. Dadurch habe ich einen Draht zu diesem Thema und eine Vorstellung, welche kulturellen Hintergründe vorliegen können.

 

Sie haben sich ja entschlossen, noch eine zweite Kita zu betreuen, die in der Nähe der Ersten liegt und zum gleichen Träger gehört. Treffen Sie da auf sehr ähnliche Gegebenheiten?

Es ist der gleiche große Träger. Der Termin zum Kennenlernen des ganzen Teams ist erst im September, aber ich gehe davon aus, dass die Themen ähnlich sein werden. Es scheint so zu sein, dass die sehr engagierten Mitarbeiter:innen in den Kitas eher zu viel machen und Unterstützung dabei brauchen, sich auch abzugrenzen, zu erkennen, dass sie die Aufgaben der Eltern letztlich nicht übernehmen können. Das heißt, da muss man einen guten Mittelweg finden, was viel leichter gesagt ist als getan. Denn wenn man fünf Tage die Woche die Kinder sieht und dann miterlebt, wie sie sich entwickeln und teilweise auch große Schwierigkeiten haben, da ist man natürlich auch emotional sehr betroffen und engagiert, muss aber auch auf sich selbst aufpassen.

Sie unterstützen uns auch dabei, das Pilotprojekt Schul:stark! umzusetzen, das darauf abzielt, Kita-Kinder sozial und emotional auf den Übergang in die Grund-schule vorzubereiten. Welche Haupt-Herausforderungen sehen Sie in diesem Zusammenhang?

Im Endeffekt sollte es so etwas geben wie eine Art Bildungspartnerschaft. Es ist ja so: Die Eltern haben ganz bestimmte Aufgaben, die Kita hat andere Aufgaben und die Grundschule natürlich auch. Ein besseres gegenseitiges Verständnis und eine bessere Kommunikation zu fördern, ist wirklich sinnvoll, klingt aber auch leichter als es ist. Zumal die Voraussetzungen in unseren Projektgebieten Hamburg und Nordrhein-Westfalen auch sehr unterschiedlich sind. In Hamburg ist mehr als die Hälfte der Kinder in der Vorschule, in Nordrhein-Westfalen gibt es in der Regel gar keine Vorschule. Das ist also ein völlig anderes Vorgehen. Und wir überlegen jetzt, wie können wir unabhängig von den Strukturen dafür sorgen, dass Kinder einen starken Schuleinstieg haben und sich von Anfang an wohlfühlen. Denn dann haben sie von Anfang an einen besseren Zugang zur Bildung und ein größeres Selbstwertgefühl. Es ist ein spannendes Projekt und ich bin gespannt, wo es uns hinführt.

Welchen Mehrwert ziehen Sie für sich selbst aus dem ehrenamtlichen Engagement für unsere Projekte?

Ich empfinde es als sehr bereichernd, da ich das Gefühl habe, den Erzieher:innen eine wirkliche Unterstützung bieten zu können. Ich würde allen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die die Zeit haben, ans Herz legen, sich ebenfalls zu engagieren, weil es eine wirklich sehr schöne Aufgabe ist, die einen hohen präventiven Anteil hat – und eine große Wirkung. Erzieher:innen sind ja Multiplikator:innen, die im Laufe ihres Arbeitslebens Hunderte Familien und Tausend Kinder begleiten.

Sie haben in Ihrer Tätigkeit als Kinder- und Jugendpsychiater ebenfalls viele Kinder und Jugendliche begleitet. Was nehmen Sie daraus mit?

Ich hatte über 25 Jahre lang eine eigene sozialpsychiatri-sche Praxis nördlich von Hamburg, mit teilweise neun Mitarbeiter:innen. In einem multiprofessionellen Team haben wir sozialpsychiatrisch mit vielen anderen Institutionen zusammengearbeitet, nicht nur mit Kliniken, sondern mit Schulen, mit Kitas, mit Hilfsangeboten des Jugendamtes und dergleichen und auch anderen Ärzten, alles sehr, sehr vernetzt. Und das ist das, wovon ich auch heute überzeugt bin: Wenn man Menschen helfen will, braucht es immer viel Kommunikation und eine funktionierende Vernetzung aller potentiell beteiligten Institutionen.

Was sind die einschneidendsten Veränderungen in Bezug auf die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten?

Das eine ist die Herausforderung durch die neuen digitalen Medien. Die heutige Elterngeneration ist selbst schon mit den neuen Medien aufgewachsen, geht aber in der Erziehung häufig zu unkritisch damit um. In den ersten drei Lebensjahren sollten Kinder überhaupt keine Medieninhalte konsumieren, aber wir sehen im Alltag, dass Eltern das laufende Handy in den Kinderwagen legen, wenn das Kind quengelt. Das sind so Verhaltensweisen, die frühe Bindungserfahrungen und eine frühe innere Sicherheit eher nicht fördern. Eigentlich brauchen die Kinder Blickkontakt und das Gefühl, gesehen und beschützt zu werden. Sie brauchen das Gefühl einer sicheren Bindung, auf dessen Grundlage sie dann auch Erfahrungen machen und Neues ausprobieren können.  Für die neue Elterngeneration ist das nicht einfach und ich denke, sie müssten stärker an die Hand genommen werden. Das Zweite ist, dass es schon immer verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche gab, was ja erstmal einfach ein Signal dafür ist, dass es ihnen nicht so gut geht. Aber mit der Corona-Zeit haben sich doch einige Dinge verstärkt. Das heißt jetzt nicht unbedingt, dass es deutlich mehr Depressionen bei Kindern und Jugendlichen gibt. Aber es gibt eine erheblich höhere Belastung. Dann kommt es halt sehr darauf an, wie gut das Umfeld, also insbesondere die Eltern, es schaffen, die Kinder in ihrer Verunsicherung aufzufangen. Weil die Kinder länger nicht in die Schule gehen konnten, haben sie weniger soziale Kompetenz entwickeln können, auch weniger Empathie, haben weniger gelingende soziale Interaktion erlebt. Daran müssen wir arbeiten, wie wir sie als Gesellschaft mehr unterstützen und ihnen mehr Sicherheit geben können.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, allen Eltern und Erzieherinnen in Deutschland einen Ratschlag zu geben, was würden Sie raten?

Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass Eltern und Erzieher:in-nen bei sich selbst anfangen und schauen, dass es ihnen wirklich gut geht, dass sie gut für sich sorgen. Denn nur dann können sie gut auf ihre Kinder eingehen und deren Entwicklung aufmerksam begleiten. Wenn man in helfenden Berufen, arbeitet, bringt man oft eine eigene Problematik mit, sonst würde man sich gar nicht mit solchen schwierigen Dingen auseinandersetzen. Das gilt natürlich auch für Kinder- und Jugendpsychiater:innen. Das heißt, man muss sich sehr viel mit sich selber auseinandersetzen, möglicherweise mit Unterstützung von außen. Das passiert heute schon viel mehr als früher. Aber ich würde viele Menschen ermuntern, sich Unterstützung zu holen, um eigene Themen und blinde Flecken besser zu begreifen.

Und dann kommen wir schon zur letzten Frage: Wenn Sie sich von der aktuellen Bundesregierung etwas wünschen könnten, um die Situation von psychisch belasteten oder erkrankten Kindern und Jugendlichen zu verbessern, was wäre das?

Ganz klar: Soziale Projekte müssen stärker gefördert werden. Institutionen, die sich um Kinder und Jugendliche kümmern, brauchen mehr Geld, eine bessere Ausstattung, mehr Personal. Vereine, Jugendtreffs, Projekte der Sozialarbeit. Es macht absolut keinen Sinn, da zu sparen, die Unterstützung in diesen sozialen Kontexten wird unbedingt gebraucht.

Über die Stiftung

Die Stiftung Achtung!Kinderseele wurde 2009 von den Fachgesellschaften für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie (DGKJP, BAG, BKJPP) gegründet.

Wir setzen uns in enger Zusammenarbeit mit ehrenamtlich engagierten Fachärztinnen und Fachärzten für die Stärkung der seelischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ein.

Stiftung Achtung!Kinderseele

c/o HST Hanse StiftungsTreuhand GmbH
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