Thema: Psychische Erkrankungen

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Viele Kinder und Jugendliche sind betroffen

Seelische Erkrankungen zählen zu den häufigsten Krankheiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Erhebungen des Robert Koch-Instituts in Berlin belegen: 20 Prozent der Kinder in der Bundesrepublik Deutschland weisen psychische Auffälligkeiten auf, etwa zehn Prozent gelten als psychisch erkrankt.¹ Es sind also fast vier Millionen Kinder und Jugendliche betroffen.

Womit kämpfen die Betroffenen?

Je nach Alter und Entwicklungsstadium der Kinder und Jugendlichen stehen unterschiedliche Erkrankungen im Vordergrund:

  • Emotionale Probleme: Dazu zählen Ängste, Depressionen, Essstörungen und Somatisierungsstörungen, also das Zutagetreten von emotionalen Problemen in Form von körperlichen Symptomen wie Bauch- oder Kopfschmerzen.

  • Verhaltensauffälligkeiten: So kategorisiert die Psychologie abweichendes Sozialverhalten in Form von altersunangemessenen Wutausbrüchen, verbalen und körperlichen Aggressionen oder notorischem Lügen und Stehlen. Auch ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung) gehört zu den Verhaltensauffälligkeiten. Sie äußert sich in ausgeprägter motorischer Unruhe, Konzentrationsproblemen, Ablenkbarkeit und Impulsivität.

  • Soziale Probleme: Diese zeigen sich in Kontaktschwierigkeiten, Isolation und ständigen Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen. Betroffene werden häufig ausgeschlossen, gehänselt oder gemobbt und haben keine gleichaltrigen Freunde. In der Folge können psychosomatische Symptome und/oder Schulangst auftreten.
     

  • Substanzmissbrauch: Bei Jugendlichen können psychische Probleme durch den Konsum von Substanzen wie Alkohol, Cannabis und psychoaktiven Drogen auftreten.

​Die häufigsten seelischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Ängste,  Depressionen und Essstörungen. Sie können gut behandelt werden, vor allem, wenn sie früh erkannt werden.

Prävention und Früherkennung

"Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!" ist ein Prinzip, das auch bei psychischen Erkrankungen gilt. Wer die Risikofaktoren und Anzeichen seelischer Erkrankungen kennt, kann besser vorbeugen und sich bei ersten Anhaltspunkten für psychische Probleme Hilfe holen.

Deshalb legt die Stiftung „Achtung! Kinderseele“ einen Schwerpunkt auf Prävention und Früherkennung. In unserem Kita-Patenprogramm sowie im Rahmen des Programms „Meister von Morgen“ sensibilisieren und schulen wir Erziehende, Eltern und Ausbildungsbegleitende im Hinblick auf psychische Auffälligkeiten und Erkrankungen.

Die Zeichen sehen und richtig deuten

Seelische Erkrankungen spielen sich zum Großteil im Inneren ab. Sie betreffen zunächst meist das Denken und Fühlen und erst in zweiter Linie das Handeln. Deshalb sind sie manchmal schwer zu erkennen – sowohl für die Betroffenen selbst als auch für ihr Umfeld.

Dazu kommt: In der Kindheit und Jugend ist abweichendes Verhalten darüber hinaus häufig entwicklungsbedingt. In der frühen Kindheit können häufige Wutanfälle ganz normal sein, in der Pubertät erleben viele Jugendliche unvermittelte Gefühlssprünge („himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt“).

Es gibt jedoch Symptome, die ein möglichst schnelles Handeln erfordern. Dazu gehören starke Angstgefühle, lang anhaltende Traurigkeit und Leere, starke innere Getriebenheit und Unruhe, neu oder stärker auftretende Konzentrationsprobleme sowie psychosomatische Symptome wie häufige Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden.

Veränderte Essgewohnheiten und starke Gewichtsabnahme können auf Magersucht oder Bulimie hinweisen. Drogenmissbrauch kann zu sehr aufgedrehtem oder übertrieben „gechilltem“ Verhalten bis hin zur Apathie führen.

Wer eines dieser Symptome an einem Kind oder Jugendlichen beobachtet, sollte nicht zögern, einen Arzt zu konsultieren – auch wenn das Kind oder der Jugendliche das auf keinen Fall möchte.

Risiko- und Schutzfaktoren

Die Entstehung psychischer Erkrankungen ist von mehreren Faktoren abhängig, die in Wechselwirkung zueinanderstehen können. Dazu gehören genetische Faktoren, lebensgeschichtliche Aspekte und soziale Bedingungen. Grundsätzlich kann eine psychische Störung jeden treffen. Es gibt jedoch eine Reihe von  Schutzfaktoren, die das Auftreten einer seelischen Erkrankung begünstigen oder aber die Widerstandsfähigkeit erhöhen können. Schutz bieten vor allem tragfähige Bindungen und ein intaktes soziales Umfeld.

Gegenpol zur Resilienz: Vulnerabilität

Auch durch die sogenannte Vulnerabilität („Verwundbarkeit“) sowie durch individuelle Risikofaktoren im Lebensumfeld der Kinder wird die psychische Gesundheit beeinflusst. Vulnerabilität bezeichnet die individuelle Veranlagung, auf Belastungen mit psychischen Erkrankungen zu reagieren. Hierbei spielen genetische Faktoren eine Rolle, insbesondere aber psychosoziale Belastungen.

Das können körperliche oder psychische Erkrankungen eines Elternteils sein, innerfamiliäre Konflikte und Disharmonie, beengte Wohnverhältnisse oder Trennung und Verlust. Alltags- und Finanzprobleme und eine schwierige Eltern-Kind-Beziehung stellen ebenfalls Risikofaktoren für die Entwicklung einer seelischen Erkrankung dar.

Bei Jugendlichen spielt das soziale Umfeld außerhalb der Familie eine große Rolle. Mobbing in der Schule, aber auch der Konsum von legalen und illegalen Drogen kann zu psychischen Problemen führen.

Chronische körperliche Erkrankungen erhöhen das Risiko ebenfalls. Bei Frühgeborenen können bis ins Schulalter hinein Entwicklungsrückstände in Motorik (Bewegungsabläufe) oder Kognition (Denk- und Erinnerungsfähigkeit) auftreten, die das Selbstbewusstsein beeinträchtigen. Ist dies der Fall, können spezielle Förderprogramme hilfreich sein.

​Wenn mehrere Risiken kombiniert auftreten erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass psychische Probleme auftreten. Natürlich  lassen sich nicht alle Risikofaktoren vermeiden. Für Eltern, Erziehende und Ausbildungsbegleitende ist es aber wichtig, sie zu kennen und aufmerksam hinzusehen, damit betroffene Kinder und Jugendliche möglichst früh Unterstützung bekommen.

Behandlung

Psychische Erkrankungen lassen sich gut behandeln. Am Anfang steht die Diagnose durch eine Fachärztin oder einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wenn tatsächlich eine psychische Erkrankung vorliegt, kann diese oft ambulant behandelt werden. Kinder- und Jugendpsychiater arbeiten mit Sozial- und Heilpädagogen, Psychotherapeuten und Fachkräften aus der Ergo-, Logo-, Musik- oder Kunsttherapie zusammen. Neben der Familie des betroffenen Kindes können auch der Kindergarten oder die Schule in den Therapieprozess mit einbezogen werden. Ein Klinik-Aufenthalt ist dadurch in vielen Fällen nicht notwendig.

Wenn eine stationäre oder teilstationäre Behandlung geboten ist, stehen 160 Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie bereit. Bei einem psychiatrischen Notfall wie einer Psychose kann man diese rund um die Uhr erreichen.

¹ KIGGS: Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Welle 2, Erhebung 2017